Standstill

Vor mehr als einem Jahr blickte ich nach vorn – auf viele Monate voller Abenteuer, voller Reisen, voller Fotografie und voller Aufwertung meiner kompletten Arbeitsweise. Eine Vorstellung, die vollkommener nicht sein konnte. Und so wie geplant, trat alles so ein. Es gilt sich alles so genau wie möglich zu visualisieren – einen Wunsch ans Universum zu senden – damit sich Visionen in Realität umwandeln und Träume wahr werden. Es ist unglaublich, wieviel Energie in Projekte und Arbeit gesteckt werden kann, wie sehr man davon profitiert und die Ergebnisse mit der Welt teilen darf. Sich immer weiterzupushen, um am Ende das bestmögliche Resultat zu erzielen. Alles ist möglich, wenn du nur hart genug dafür arbeitest.

Manchmal da ist hart arbeiten aber nicht alles. Manchmal da ist von einem Projekt zum anderen Projekt zu hetzen, nicht genug. Manchmal da vergisst man zu leben. Manchmal da vergisst man sich selbst. Und irgendwann bleibt alles stehen und zwingt dich in die Knie und zwingt dich zur Ruhe. Um endlich wieder klar zu denken, um umzudenken. Alles was du geschöpft hast, an Kunst, an Material, an Dingen bleibt bestehen, während du selbst vergehst.

Meine Werte haben sich in der letzten Zeit sehr verändert. Ich bin selbst zur Ruhe gekommen und habe Pläne umgeworfen und neu geschrieben. Ich habe mich von der Welt zurückgezogen und den Fokus auf meine Welt und alle die mir nahstehen gelegt. Es liegt in der Natur meines Wesens, einen anderen Weg zu gehen, als der Mainstream. Was gut für viele ist, ist nicht unbedingt gut für mich.

Ich hab aufgehört zu fotografieren. Ich habe meine Kamera seit einem halben Jahr ein einziges Mal verwendet. Ich habe meine Kreativität in der Unendlichkeit des Universums verloren und spüre erst seit kurzem wieder kleine Funken von Inspiration. Ich mache mir deshalb keine Vorwürfe. Ich lass mir alle Zeit der Welt, bis ich wieder Interesse habe, Bilder des Lebens einzufangen. Während ich es nicht tue, tun es hundertausend andere. Deshalb verpasse ich keinen Moment, da ich ihn mit voller Aufmerksamkeit erleben darf.

Es ist okay, nicht so viel zu leisten, wie es andere tun. Es ist okay, nicht so leistungsfähig zu sein wie andere. Gibt es denn überhaupt einen Maßstab? Und wenn es den gibt, muss ihm niemand entsprechen, wenn er*sie nicht kann. Die Leistung, die wir erbringen, muss uns genügen, und hierbei müssen wir an uns selbst arbeiten, um unsere Ansprüche nicht höher zu stellen, als wir ihnen gerecht werden können.

Eine Leistungsgesellschaft, wie jene, in der wir leben, vermiest uns das Sein beachtlich. Wie sollen wir da noch genießen, wenn wir uns nicht bewusst von diesem Zwang distanzieren. Sich selbst Druck zu machen, bedeutet, sich selbst früher oder später krank zu machen. Es ist wichtig uns selbst treu zu bleiben und unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen und uns nicht mit denen von anderen zu messen.

Sie sagen, wenn du keinen Stress hast, dann arbeitest du nicht genug. Sie sagen, wenn du Zeit hast, dann bist du nichts wert.

ICH SAGE, wenn du Zeit hast und kaum Stress hast, dann machst du vieles richtig. Gönn dir Ruhe, löse dich von dem Druck, den dir andere oder gar du dir selber machst und lass es dir gut gehen. Du wirst es dir selber danken.

Ich werde in Zukunft nur dann fotografieren, wenn ich wirklich möchte. Ich werde nur jene Jobs annehmen, die ich aus Leidenschaft ausführen möchte. Ich werde meine Inspiration von meinen Anfängen ziehen, in denen Bilder noch minimalistisch und voller Liebe entstanden sind und nicht mit dem Druck, Material zu produzieren und gewissen Ansprüchen gerecht zu werden.

Ich möchte euch dazu ermutigen, dasselbe zu tun. Wagt einen Schritt zurück, um einen Blick auf das Ganze zu werfen, um dann mit Gewissheit euren Weg weiterzugehen oder einen anderen zu wählen, der euch langfristig gut tut.